Wer in 60 Minuten kein Tor bei gleicher Spielerstärke oder in Überzahl erzielt, hat im Eishockey normalerweise schlechte Karten. Aber was ist in der schnellsten Mannschaftssportart der Welt schon normal? „Nach so vielen Jahren als Trainer denkst du eigentlich, alles schon erlebt zu haben. Doch das heute war auch für mich neu“, sagte Alexander Jacobs, Trainer der Ratinger Ice Aliens, nach dem Regionalliga-Gastspiel des EHC „Die Bären“ 2016 in der Eissporthalle am Sandbach. Die Neuwieder erzielten drei Treffer (!) in numerischer Unterlegenheit und besiegten den Tabellenführer und amtierenden Meister der 1. Liga West mit 4:3 nach Penaltyschießen. Schon das Hinspiel hatten die Bären im Shootout für sich entschieden. „Wir sind froh über diese beiden extrem wichtigen Punkte“, freute sich EHC-Coach Jens Hergt.
Ohne den verletzten Robin Schütz und den aus beruflichen Gründen fehlenden Willi Hamann machten die Neuwieder von Anfang an deutlich, dass sie aus einer kompakten Abwehr heraus die Ice Aliens piesacken wollten. Ein Plan, der aufging. Der EHC ließ im ersten Abschnitt kaum etwas Gefährliches der Ratinger zu und ging in der elften Minute in Führung. Stephan Fröhlich luchste Dustin Schumacher die Scheibe ab und gab Schlussmann Dennis Kohl das Nachsehen – Unterzahltor Nummer eins der Gäste mit der ersten echten Torgelegenheit des Abends, an dem beide Teams zunächst Sicherheit groß schrieben. Ratingen fand kein Mittel, gegen die gute Deckung der Deichstädter anzukommen. Als der Puck nach einem Bully im Neuwieder Verteidigungsdrittel dann aber in die Mitte zu Maurice Pascal Becker gelangte, glich der Angreifer der Einheimischen im Nachschuss zum 1:1 aus.
Das Mitteldrittel stellte das Penaltykilling des EHC vermehrt auf die Probe. Nach 25 Minuten begann Schiedsrichter Zsolt Heffler Strafzeiten gegen die Gäste zu verteilen, von denen einige sehr fraglich waren. Aus den Unterzahlsituationen machte sich die Hergt-Truppe aber nichts. Sie wollte diese bei weitem nicht nur unbeschadet überstehen, sondern setzte selbst Akzente. Nachdem Ratingens Neuzugang Tim Brazda in seinem ersten Spiel für seinen neuen Klub zum 2:1 getroffen hatte (31.), erwischten Lucas Leuschner (32.) und René Sting (36.) den unsicheren Kohl im Tor der Außerirdischen kalt. Zunächst saß Alexander Bill wegen eines erst verspätet geahndeten hohen Stocks auf der Sünderbank, beim neuerlichen Führungstreffer der Gäste standen die Deichstädter sogar für fünf Minuten mit einem Mann weniger auf dem Eis, weil Heffler Felix Köbele mit einer Spieldauerdisziplinarstrafe zum Duschen geschickt hatte. Allerdings war in dieser Situation Stepan Kuchynkas Kopf eher zu tief als Köbeles Schläger zu hoch. „Mit den beiden Unterzahlschüssen, die ins Tor gingen, hatten wir auch etwas Glück“, gestand Trainer Hergt. Aber das Glück erarbeiteten die sich Bären auch. Nach Köbeles Ausschluss mit noch 13 Feldspielern zur Verfügung, kämpften sie verbissen. „Ratingen hat im letzten Drittel gedrückt, wir krochen auf dem Zahnfleisch, aber haben super gefightet“, unterstrich Hergt den vorbildlichen Einsatz seiner Mannschaft.
Den 3:3-Ausgleich konnte sie jedoch nicht verhindern. Ice Aliens-Kapitän Dennis Fischbuch drückte den Puck in der 48. Minute über die Linie – eine Situation, in der sich die Gastgeber über einen Pfiff wegen Torraumabseits nicht beschweren hätten dürfen. Gleich zwei Ratinger Angreifer kamen Bären-Keeper Felix Köllejan doch sehr nahe in dieser Situation. „Wir haben gesehen, dass Charakter in unserer Mannschaft steckt“, bezog sich Alexander Jacobs auf das zweite Comeback des Tabellenführers, der in der Endphase dem vierten Treffer näher war. Auch weil Christian Neumann kurz vor Ende auf die Strafbank musste. Die Bären überstanden die letzte brenzlige Situation des Abends ebenfalls und hatten nach 60 Minuten den ersten Punkt bereits sicher. Felix Köllejan, der gegen Alexander Schneider, Tim Brazda und Stepan Kuchynka parierte, sowie der erfolgreiche dritte EHC-Schütze Sven Schlicht machten im Penaltyschießen den Unterschied aus und sicherten Neuwied den verdienten Zusatzzähler.
Ratingens Trainer sah’s indes ganz anders: „Wir waren 60 Minuten lang die bessere Mannschaft.“ Auch ein zweiter Satz Jacobs‘ auf der Pressekonferenz sorgte für Verwunderung: „Von Neuwied waren harte, unfaire Aktionen dabei, die beim Eishockey nichts verloren haben, aber vorkommen.“ Es war ein hilfloser Versuch von einer nicht alltäglichen Sache abzulenken, die den Unterschied ausmachte: drei Neuwieder Unterzahltore.

Ratingen: Kohl (Steffen) – Hoth, Pompino, Appelhans, Migas, Schumacher, Scharfenort, Hornig – Behlau, Potthoff, Musga, Moch, Schneider, Schröder, Becker, Tobias Brazda, Kuchynka, Fischbuch, Tim Brazda.
Neuwied: Köllejan (Güßbacher) – Trimboli, D. Schlicht, Halfmann, Neumann, Kopetzky – Fröhlich, Sting, Orr, Blumenhofen, Köbele, Felföldy, Leuschner, S. Schlicht, Bill.
Schiedsrichter: Zsolt Heffler.
Zuschauer: 405.
Strafminuten: Ratingen: 6 – Neuwied: 17 + Disziplinarstrafe gegen Fröhlich + Spieldauerdisziplinarstrafe gegen Köbele.
Tore: 0:1 Stephan Fröhlich (Köbele) 11‘, 1:1 Maurice Pascal Becker (Tobias Brazda, Schneider) 15‘, 2:1 Tim Brazda (Fischbuch, Kuchynka) 31‘, 2:2 Lucas Leuschner (Sting) 32‘, 2:3 René Sting 36‘, 3:3 Dennis Fischbuch (Scharfenort, Kuchynka) 48‘. Penaltyschießen: 3:4 Sven Schlicht.

Sven Schlicht (links) verwandelte den entscheidenden Penalty zum 4:3-Sieg in Ratingen.

 

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